HIER SITZE ICH. Ich kann – zur Zeit – nicht anders

Wir sind in ein neues Jubiläumsjahr eingetreten. Die christlich-protestantische Welt erinnert sich an das Ereignis vor 500 Jahren, als Martin Luther am 17. April 1521 wegen seiner Thesen und Schriften vor den Reichstag zu Worms zitiert worden war.

Nach einem Tag Bedenkzeit stand der „ketzerische“ Luther vor den höchsten Amts- und Würdenträgern seiner Zeit, von denen die meisten, auch der Kaiser, erwarteten, dass er seine Schriften widerrufen würde und somit wieder „Frieden und Einigkeit“ in das Reich kommen sollte.

Aber Luther entschied sich anders; er war nicht bereit, einen trügerischen, politisch-korrekten Frieden zu unterstützen, sondern handelte aus seiner ureigensten Überzeugung. Mit Respekt, aber auch mutig, hielt er vor der gesamten Versammlung seine heute berühmte Rede, in der er zum Abschluss sagte:

„Wenn ich nicht durch das Zeugnis der Heiligen Schrift oder vernünftige Gründe überwunden werde – denn weder dem Papst, noch den Konzilen allein vermag ich zu glauben, da es feststeht, dass sie wiederholt geirrt und sich selbst widersprochen haben -, so halte ich mich für überwunden durch die Schrift, auf die ich mich gestützt habe, so ist mein Gewissen im Gotteswort gefangen, und darum kann und will ich nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln weder sicher noch lauter ist. Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir. Amen“

Was nach dieser Rede geschah, veränderte die Kirchen- und Weltgeschichte bis zum heutigen Tage.

Heute befinden wir uns im Abendland in ganz anderen politischen und kirchlichen Verhältnissen; die Meinungsfreiheit und die freie Religionsausübung soll garantiert sein, und die Heilige Schrift ist ein Bestandteil des persönlichen Glaubenslebens von Christen geworden, was zu damaligen Zeiten undenkbar gewesen wäre.

Ebenso sind mittlerweile die technischen Möglichkeiten enorm fortgeschritten, sodass wir in den jetzigen besonderen Pandemieherausforderungen leider sehr viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen müssen. Kinder, Arbeitnehmer und -geber, Gemeindemitglieder, alle sind von dieser Digitalisierung betroffen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, mit denen viele zu kämpfen hatten, konnten sich auch meisten Kirchengemeinden  auf eine Zoomgemeinschaft umorientieren. Leider finden viele dieser neuen Aktivitäten allein daheim im Sitzen statt.

Trotz dieser Tatsachen können wir heutigen Christen aus Luthers „Hier stehe ich“- Rede wichtige Impulse für unser Leben wahrnehmen und die Auswirkungen im praktischem Leben erfahren.

Die Autorität der Heiligen Schrift

Auch im letzten Jahr war die Bibel ein Bestseller. Worte aus diesem Buch brachten in der Pandemiezeit tausenden von Menschen Kraft, Ermutigung, Trost und geistige Führung für ihr Leben und ihren Glauben. Die Heilige Schrift hat sich so gerade in schwierigen Zeiten als äußerst aktuell erwiesen, oder, wie es Luther an einer anderen Stelle betont: „Die Bibel ist nicht antik, auch nicht modern, sie ist ewig.“

Das Gewissen

Dass das Gewissen gebundenen ist, wie es Luther in seiner Rede darstellt, bedeutet, dass seine Gedanken, Entscheidungen und sein Verhalten von den Maßstäben des Wortes Gottes und nicht von den damaligen Kirchengremien; Konzilen oder den sich irrenden Päpsten bestimmt wurden. Neid, Eitelkeit und Existenzangst können leicht unser Gewissen betäuben. Aber sich mit Gottes Wort durch Selbstprüfung und Gebet auseinanderzusetzen, wirkt wie ein Fitnessprogramm für das Gewissen; es wird gestärkt in seiner Fähigkeit, Gutes von Bösem und Richtiges von Falschem zu unterscheiden.

Freimut, für Überzeugungen einzustehen

Hierdurch wird das mutige Handeln ermöglicht. Es ist nicht genug, dass ein Christ etwas weiß und in seinem Gewissen wahrnimmt, sondern es muss auch umgesetzt werden. Vor einiger Zeit war ein Popsong sehr beliebt: „We don’t need another hero“ oder „Wir brauchen keine Helden mehr“. Damit hat der Textdichter sehr gut dem modernen Zeitgeist entsprochen. Es gibt leider immer weniger Menschen, die bereit sind, für ihre Gewissensüberzeugungen den Preis zu bezahlen: nämlich ihre Komfortzone zu verlassen und unbequeme Entscheidungen zu fällen. Leider ist auch in christlichen Kirchen die Situation nicht viel besser. Einige der Folgen sind stark sinkendes Interesse an der Mission sowie allgemein am pastoralen Dienst. Diese Gleichgültigkeit hat verschiedene soziologische Ursachen. Aber vor allem geht es darum, dass auch wir Christen zu viel auf das Alltägliche und Materielle und zu wenig auf das Göttlich-Ewige fokussiert sind. Mutig zu sein bedeutet nicht, ohne Ängste zu sein, sondern zu wirken trotz der Ängste, Gegenwind und Opposition.

Luther konnte vor 500 Jahren durch seinen Glauben mutig für seine Überzeugung eintreten.

Lasst uns heute trotz besonderer Umstände nach Luthers Vorbild auch unser Gewissen stärken und uns mutig für die Wahrheit des Wortes Gottes in dieser bedürftigen und verdorbenen Welt einsetzen. Weil dies auch von unserem homeoffice aus geschehen kann, können wir behaupten:

„Hier sitze ich, ich kann – zur Zeit – nicht anders.“

Vatroslav Zupancic

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