„Ich sage euch: Hier ist Größeres als der Tempel.“

Ein Text zu Matth. 12, 6. Aus dem Jahreslesebuch von Adolf Schlatter : „Kennen wir Jesus?“ [1937] zum 30. März – Versuch einer Übertragung in heutige Sprache von Steffen Klug (Bild. Christiane Jordan).

Jesus macht hier eine Aufsehen erregende Aussage: Er vergleicht seine Jünger mit den damaligen religiösen Führern, den Priestern. Das ergibt sich aus diesem kurzen Bibeltext: Durch den Tempelbetrieb bekam der Priester die Aufgabe, an jedem Sabbat ein Opfer zu bringen. War nun Jesus auch berechtigt, seinen Jüngern am Sabbat Aufgaben zu geben, so wie es der Tempel seit Jahrhunderten vorsah?

Seine Gegner fanden es absolut anstößig, dass Jesus sich so auf eine Stufe mit dem Tempel-Gesetz stellt. Trotzdem geht Jesus noch einen Schritt weiter und sagt: Es gibt noch Wichtigeres als den Tempel: nämlich mich! Damit stellt sich Jesus über das ganze Tempelgesetz und die berufenen Priester: Er hat die Autorität! So sagt Jesus: Ich bin jetzt derjenige, der sagt, was wichtig ist und was meine Leute am Sabbat tun sollen. Damit passiert etwas Revolutionäres:

Er löst seine Gemeinde von der Autorität des Tempels – er übernimmt und übertrifft dessen Autorität! Um die Tragweite zu verstehen, muss uns klar sein, was der Tempel für die Juden bedeutete:
1. Es gab nur EINEN Tempel – es war der einzige, den es für die Juden gab.
2. Man sagte: „Im Tempel wohnt Gott“. Nun wohnt Gott in Jesus.
3. Im Tempel war Gott besonders „erreichbar“ für ihr Gebet – wenn wir durch Jesus beten, dürfen wir wissen: Wir sind nahe am Herzen Gottes!
4. Im Tempel wurden durch die Opfer Sünden vergeben: Ganz klar – diese Aufgabe hat nun Jesus von Gott bekommen!
5. Im Tempel wurde der Segen Gottes über Menschen ausgesprochen, der Frieden schafft und Schutz gibt: Den Segen gibt es nun durch Jesus!

Das alles war nun in Jesus vorhanden. Wie müssen diese Gedanken in gläubigen Juden gewirbelt haben! Warum war das alles nun in Jesus? – Weil er der Sohn Gottes war.

Wer sich nun darauf einlassen konnte, der hatte es gut: Wenn Jesus sagt: „Kommt zu mir und folgt mir nach“ – der bekam eine ganz neue Qualität und Tiefe einer Gottesbeziehung – viel besser als die Sammlung von Vorschriften, die die Leute nach Jerusalem in den Tempel beorderten.

Der Tempel war eher so ein Symbol, ein Wahrzeichen für das, was bei Gott an Großem noch kommen sollte: So ein kleines Aufflammen der Heiligkeit und Vergebungsbereitschaft Gottes, wenn man den Tempel besuchte. Bei Jesus aber war die Gemeinschaft mit Gott real möglich:  „Nicht Bild, sondern Leben, nicht etwas Gedachtes, sondern Wirkendes“. (A.Schlatter)

Mit Jesus zusammen können wir Gottesdienste feiern, die die Tempelgottesdienste stark übertreffen, denn: Durch den Glauben mit Jesus an Gott (und nicht mit den alten Vorschriften) entsteht eine echt neue Qualität der Verherrlichung Gottes, weil …
… wir nun einen Glauben haben, der auf eine Person, statt auf ein Gesetz schaut: Wir wenden uns Gott ganz neu zu!
… wir durch Jesus nicht nur Kopfwissen und Lehrsysteme bekommen, sondern ihn persönlich fragen können, was „dran“ ist
… wir uns von unserer Schuld immer wieder reinigen lassen können – so kann Gott uns zum Werkzeug seiner heiligen Absichten werden lassen
… wir Gott nun nicht nur wegen einzelner Gaben loben, sondern weil mit Jesus so eine echt coole Reichs-Gottes-Dimension eingetreten ist: Wir beten Gott an, weil wir zur Herrlichkeit dieses Reiches gehören dürfen!

Also, fassen wir zusammen: Gott redet nun nicht mehr im Wort des „Gesetzes“ mit den Tempelvorschriften. Dieses Haus Gottes hatte eine lange Tradition, angefangen von dem „Zelt der Begegnung“ bist zum stattlichen Tempelbau. Nun redet Gott aber neu, durch Jesus, der seine Worte und Taten ganz lebendig vom Geist dieses Gottes bekam!

Und: Wenn Jesus davon sprach, dass er größer als der Tempel ist, dann hat er nicht nur an sein eigenes Dasein in der Welt gedacht – sondern auch an das neue Haus, das durch ihn entsteht: Die Gemeinde. Und dieser Bau ist nun, wie wir heute wissen, wirklich größer als der Bau auf dem Tempelberg!

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