„Nun danket alle Gott“ – oder: Hirtendienst in Seuchenzeiten

Von Chappell Temple von der WCA (Wesleyan Covenant Association) in den USA

Übersetzung des Originalartikels „Pastoring in plague times „

Man könnte sagen, dass er just zum falschen Zeitpunkt ankam. Denn er kam gerade dann in seine
Heimatstadt zurück, als in dieser Gegend ein verheerender Krieg ausbrach, der nicht nur drei
Jahrzehnte dauerte, sondern auch mehr als acht Millionen Opfer forderte, also ungefähr 20% der
deutschen Bevölkerung zu jener Zeit. Nachdem ihm sieben Jahre zuvor die Stelle verweigert
worden war, begann er mit 31 Jahren dort seinen Dienst in der Kirche. Vordergründig wurde der
Krieg durch die Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten und die Nachwirkungen der
Reformation ausgelöst. Doch veränderte er schnell seine Gestalt und die religiösen Unterschiede
verloren sich in den größeren weltpolitischen Verflechtungen jener Zeit.
Der junge Pastor ging so gut er konnte treu seiner Arbeit nach, während die Heere der großen
Nationen das Gebiet Sachsens verwüsteten, Höfe und Läden plünderten und leer zurück ließen.
Darüber hinaus musste er sich mit Soldaten auseinander setzten, die in seinem Haus einquartiert
waren, und schnell seine eigenen Vorräte dezimierten, wie auch mit Unmengen von Flüchtlingen,
die die Sicherheit der ummauerten Stadt Eilenburg suchten, die Luther einst einen gesegneten
Schmalztopf genannt hatte, bis auch dort die Not überhand nahm.
Und dann geschah es – ein Unglück, das so ernst war, dass dagegen selbst die Invasion der
Schweden verblasste. Denn die Kombination von Überbevölkerung, vernichteter Ernte und einer
verkrüppelten Infrastruktur erzeugte eine so extreme Hungersnot, dass dreißig bis vierzig
Menschen, so heißt es, nicht um Toilettenpapier kämpften, sondern um einen Katzenkadaver oder
den einer Krähe. Die Pest, die 1637 folgte, verbreitete sich in der Stadt und forderte in einem Jahr
mehr als 8000 Opfer.
Zu allem Überfluss verließ der Superintendent der Kirche für eine Luftveränderung die Stadt und
kam nicht mehr zurück. Von den fünf verbleibenden Pfarrern starben vier in kurzer Folge an der
Pest, so blieb nur der junge Diakon um weiter zu machen. Er hatte häufig 40-50 Beerdigungen an
einem Tag, alles in allem waren es in diesem Jahr 4480 Menschen, die er zu Grabe trug,
einschließlich seiner ersten Frau.
Trotzdem machte Martin Rinkart in schier unfassbarem Gottvertrauen und einer Haltung der
Dankbarkeit weiter. Und als der 30-jährige Krieg 1648 endete (ungefähr vierzehn Monate vor
seinem eigenen Tod) hinterließ der Dichter, der zum Prediger geworden war, ausgelaugt und
vorzeitig gealtert ein unfassbares Zeugnis seines Glaubens: Das Lied Nun danket alle Gott, das wir
allzuoft nur in die Erntedankzeit verbannen, war das Lebensthema Martin Rinkarts.

Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen,
Der große Dinge tut an uns und allen Enden,
Der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an
unzählig viel zugut bis hierher hat getan.

Und dann als sei dies nicht deutlich genug, fährt er in der zweiten Strophe fort:
Der ewigreiche Gott woll uns bei unserm Leben
ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben
und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort
und uns aus aller Not erlösen hier und dort.

In einer Zeit, in der wir wieder von Angst erschüttert werden vor einer anderen Seuche – diesmal ist
es ein Virus, der über den Globus hinweg fegt, ist es gut sich der Worte Martin Rinkarts zu erinnern.
Denn wie dieser junge Pastor nicht wegrannte, ist es auch jetzt die Aufgabe der Kirche die Kranken
nicht allein zu lassen, sondern sie zu unterstützen, koste es, was es wolle. Um die frühere
Premierministerin von Groß-Britannien Margaret Thatcher zu zitieren, dies ist keine Zeit für
„Weicheier“ (no time to go wobbly).

Der Coronavirus wird irgendwann verschwinden, wie das alle Dinge tun und die gute Nachricht ist,
dass es keine dreißig Jahre dauern wird. In der Zwischenzeit mögen wir alle in der Kirche nicht nur
die gleiche Barmherzigkeit Martin Rinkarts zeigen, sondern auch seinen Mut. Denn wie endete der
Dichter, der zu einem wahren Hirten wurde, sein Lied?

Lob, Ehr und Preis sei Gott, dem Vater und dem Sohne,
und Gott, dem Heilgen Geist im höchsten Himmelsthrone,
ihm, dem dreieingen Gott, wie es im Anfang war
und ist und bleiben wird, so jetzt und immerdar.

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