Können wir zusammenbleiben? – Votum eines doppelt Betroffenen

„Was muss geschehen, dass ich in der Kirche bleiben kann?“

Viele Christen fragen sich das – nicht selten mit neuer Dringlichkeit angesichts der aktuellen Debatte um Homosexualität und die geplanten Änderungen in unserer Kirchenordnung betreffs Eheverständnis, Segnung von homosexuellen Paaren und Ordination von Homosexuellen.

Als Mann, welcher die Homosexualität aus der Innenperspektive kennt, bin ich wohl bei diesem Thema noch sensibler als andere. Einige sagen zu mir: „Du bist doch für die Homosexuellen!“ Ich entgegne ihnen: „Genau, du hast es erfasst!“ Ich sehe die Menschen, welche unter ihrer Veranlagung leiden und die sagen: „Homosexuell sein, das wünsche ich nicht mal meinem größten Feind!“ Ich begegne denen, die die Bibel so lesen, wie sie geschrieben steht und für sich entscheiden: „Meine homosexuellen Gefühle will ich nicht leben.“ Ich rede mit denjenigen, welche vom homosexuellen Lebensstil enttäuscht sind und zaghaft fragen: „Soll das alles gewesen sein?“

Ich persönlich meine: Wir als Kirche haben besonders die Aufgabe, uns auch um diese notleidenden, entmutigten und fragenden Menschen zu kümmern. Nicht immer ist es angebracht zu sagen: „Wenn du homosexuell fühlst, dann musst du es auch ausleben.“ Möglicherweise ist es angebrachter, ergebnisoffen zu beraten und einmal zu schauen: „Was suchst du im homosexuellen Denken und Fühlen?“ „Wirst du das im homosexuellen Lebensstil erreichen oder eher nicht?“

Mir hat geholfen, dass Christen mich in meinem Suchen begleiteten und mir nicht vorgeschrieben haben, was ich tun und denken sollte. Als ich dann zu Christus gefunden hatte und Jesus mein Herr geworden ist, waren diese Menschen bereit, mich auf dem Weg der Nachfolge als Christ zu begleiten. Mittlerweile habe ich keine homosexuellen Gedanken und Gefühle mehr. Ich fühle mich wohl in meiner Haut, fühle mich wohl mit meiner Ehepartnerin und bin Gott dankbar für das Wunder, das ich erleben konnte.

Nicht so wohl fühle ich mich zur Zeit in meiner Kirche, weil ich den Eindruck habe, dass ich vielen mit meiner Geschichte als Störenfried gelte und das für diese Sicht kein wirklicher Platz ist. Auch wenn ich homosexuell Empfindende durch den zugestandenen Gewissensschutz für Pastoren wahrscheinlich nie verheiraten oder segnen müsste und meine Einzelstimme betreffs Ordination nicht ausschlaggebend ist, sind gute, klare Regelungen und geeignete Gefäße für ein „Zusammenbleiben“ sehr wichtig:

Die Trauung oder Ordination z. B. lehne ich nicht ab, weil ich für diese Menschen etwa keine Sympathie hätte, sondern vor allem, weil ich das Leid und den Schmerz  vieler homosexuell Lebender kennen gelernt habe und ich den Menschen diesen Schmerz ersparen möchte.

Kann ich in meiner Kirche bleiben? Können wir in unserer Kirche zusammenbleiben? Ich meine „Ja“!
Ja, wenn wir unsere Erfahrungen achten, den anderen zuhören und seine Erlebnisse wertschätzen. Ja, wenn wir sensibel miteinander umgehen und uns gegenseitig annehmen. Ja, wenn wir z. B. den „Schwachen im Glauben“ nicht ihren Glauben absprechen und ihnen zuliebe unsere „Erkenntnisse“ nicht überbewerten.

Aber zu diesen beispielhaft genannten Schritten für ein besseres Miteinander muss noch mehr kommen. Es braucht m. E. über die persönliche Gewissensfreiheit des Einzelnen und klare Entscheidungsmöglichkeiten für  betroffene Gemeinden hinaus einen Freiraum zum offenen Leben der konservativen Glaubensauffassungen ein wirkliches Gefäß. Die im Vorschlag des Kirchenvorstandes vom März 2019 erkennbare, liberalere Sichtweise und das mit einem ZK-Beschluss 2020 wahrscheinlich für alle gültige Umsteuern in Richtung einer neuen, liberaleren  VLO (Verfassung, Lehre und Ordnung) erschwert das Zusammenbleiben.

Weil es nach meiner Erfahrung nicht nur „wenige, exotisch am Alten hängende Konservative“ gibt, sollte das mögliche Zusammenbleiben mit Hilfe „neuer Strukturen“, z. B. einer konservativen Jährlichen Konferenz unterstützt und ernsthaft geprüft werden. Und um viele auf diesen Weg mitzunehmen, müssen gründliche und umfassende Informationen zum aktuellen Thema „ geeignete Gefäße“, aber auch zu Themen wie „Homosexualität“ und „Schriftverständnis“ wirklich bald zugänglich gemacht werden und zeitnah bei den methodistischen Geschwistern in den Gemeinden ankommen.

Auch sollten Hilfsangebote für Menschen, welche ihre (homo-)sexuelle Neigung hinterfragen, zugänglich gemacht werden und das Berichten oft nur aus einem Blickwinkel ein Ende finden.

Ich wünsche uns allen, dass wir miteinander wirklich ins Gespräch kommen und nach guten Beschlüssen auch zusammenbleiben können. Das bedeutet auch, dass wir gegenseitig unsere Meinungen ernst nehmen und sie stehen lassen können. Um einen Lebens- und Glaubensraum für verschiedene Denkweisen und unter-schiedliches Schriftverständnis zu gewähren, fände ich es daher angemessen, wenn die deutsche Zentralkonferenz  sich zukünftig aus konservativen und liberalen Konferenzen zusammensetzen würde, es also wirklich „neue, geeignete Gefäße“ gibt.

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.