Streit-bares Christsein

In dem Beitrag von Pastor Vatroslav Zupancik weist er darauf hin, dass es im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder „Irrlehren“ und „Irrlehrer“ gegeben hat – und dass dieser Gedanke auch in der gegenwärtigen Diskussion um die Schriftauslegung und Sexualethik nicht fernliegt.

In einem Kommentar darauf heißt es: „Ich habe es satt, dass mir unterstellt wir, ich wolle nicht des Evangelium weitersagen. Ich habe es satt, dass ihr mir meinen Glauben nicht glaubt und meint zu wissen, dass nur eure Art zu glauben, die richtige ist. “ Folglich scheint es in der heutigen Zeit ein NoGo zu sein, auch einmal eine andere Meinung als „falsch“ oder „irregeleitet“ anzusehen. In Wahrheit ist es aber eigentlich nur ehrlich. Wenn wir auch immerzu aufgefordert werden, nur ICH-Botschaften, also das Positive meiner Botschaft zu betonen und meine Richtigkeiten zu beschreiben und die Alternativmeinung nicht als „Falsch“ zu erwähnen – so ist das doch nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist: Wenn ich etwas als richtig ansehe, muss es auch Menschen geben, die das anders sehen – aus meiner subjektiven Sicht also als „falsch“. Warum haben wir uns derart abgewöhnt, so miteinander zu streiten, dass auch einmal eine (aus meiner Sicht gesehenen) Lehre eine Irrlehre werden kann? Liegt es daran, dass wir uns einem Liebes-Begriff verschrieben haben, der „Harmonie um jeden Preis“ beinhaltet – statt auch einmal wehrhaft-liebevoll zu sein?

Die ZEIT hat einer der letzten Ausgaben ein Bild gebracht, das mich ziemlich beeindruckt hat:

Da sind die beiden Boxhandschuhe zu sehen, die am Ende doch ein rotes Herz ergeben. Wäre das nicht eine Alternative, so miteinander zu streiten, dass wir fair unsere subjektive Erkenntnis aussprechen, andere damit ansprechen – und ihnen dabei zwar die „richtige“ Erkenntnis, aber nicht den Glauben und die gute Absicht absprechen?

PAULUS ist hier ein Vorbild. Zum einen das „Hohelied der Liebe“ – zum anderen die vielen „Brandmarkungen“ von Irrlehrern. Hier ein Beispiel aus Apostelgeschichte 20: „Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch kommen, die die Herde nicht verschonen werden. Auch aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes reden, um die Jünger an sich zu ziehen.“ Warum werden solche „harten“ Sätze, von denen es auch in den späteren Briefen des NT nicht wenige gibt, heutzutage nicht mehr zugelassen? Warum nehmen wir es nicht hin, dass sich Reich Gottes auch durch Trennungen, durch unterschiedliche Lehren, beständig weiter entwickelt?
Vielleicht ist auch das wieder das Problem, wie wir mit der Bibel umgehen: Viele dieser „Irrlehrer“-Stellen werden von charmanter Theologie ignoriert, relativiert oder als nachträgliche Einträge beiseite gestellt. – Wollten wir aber nicht dem Duktus und der Lehre des NT folgen, zu denen diese Auseinandersetzungen auch gehören?

Auch in unserer Kirchengeschichte sind Beispiele eines solch „streit-baren“ Christentums zu finden: Wesley und Whitefield bekämpften sich manchmal auf das Schärfste (Beispiele in Tomkins: Wesley S.116f), weil sie die Vorhersehungs- und Vollkommenheitslehre trennte. Wesley sah die Heiligung in Gefahr, wenn jeder Erwählte ohne sein Zutun vorherbestimmt ist zum Heil. Diese unterschiedliche Lehre führte dazu, dass beide unterschiedliche Gemeinschaften aufbauten. Whitefields Gemeinschaften gehörten nicht zu Wesleys „Connexion“. Wir lesen von 1741: „Es ist etwas ganz anderes [als der Kampf mit Nichtchristen] … sich in einem Krieg mit seinen engsten Freunden zu befinden und seine Herde an diejenigen zu verlieren, die man selbst herangezogen hat.“[1]

Trotzdem hatten die beiden unter der Ebene der unterschiedlichen Ansichten eine Verbundenheit. Wesley bei der Trauerpredigt „in Whitefields drei Londoner Kapellen eine Gedenkpredigt zu halten – der letzte Wille des Verstorbenen“[2], die er auf Whitefields Geheiß gehalten hat: „Es gibt viele Lehren, die weniger entscheidend sind und in denen selbst die aufrichtigen Kinder Gottes … seit langen Zeiten unterschiedlicher Meinung waren und sind. In diesen Fragen können wir denken und denken lassen, wir können uns einigen, uneinig zu sein.“[3]

An diesem Beispiel läßt sich gut ablesen, wie das gehen kann: Zwei Handschuhezwei religiöse Bewegungen – die dennoch „rot“ eingefärbt sind – und trotz ehrlich und leidenschaftlich benannter Unterschiede am Ende das Herz der Liebe bilden.


[1] Tomkins, John Wesley 2003, S.117 im Kontext des Erwählungsstreits

[2] Tomkins: John Wesley 2003 S.213

[3] Tomkins: John Wesley 2003 S.213

1 Kommentar zu „Streit-bares Christsein“

  1. Birgitta Hetzner

    Hallo Steffen,
    „Streitende sollten wissen, dass nie einer ganz racht hat und der andere ganz unrecht.“ (Kurt Tucholsky)

    Den Rest per mail – ich will nicht Öl ins Feuer gießen.
    Birgitta

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