Rezension zum Heft „Verstehst du denn, was du da liest“?

(Hinweise der Redaktion: Das Heft kann hier oder über den Büchertisch bezogen werden.
Prof. Christoph Raedel,. Mitglied der EmK, ist Professor an der FTH in Gießen)

Markus Jung: Verstehst du denn, was du da liest? (Apg 8,30b) Auslegung der Texte, die oft in Bezug zur Frage nach Stellung der Bibel zu Homosexualität herangezogen werden, veröffentlicht im Eigenverlag, 2019

In den hier im Heftformat veröffentlichten sieben Bibelarbeiten möchte Superintendent der EmK Markus Jung solche Bibeltexte einer genaueren Betrachtung unterziehen, die – wie er sagt – oft für eine ablehnende Haltung gegenüber Homosexualität herangezogen werden. Bereits der Titel der Broschüre deutet an, dass der Vf. hier eine hermeneutische Aufgabe, also die Frage nach dem (rechten) Verstehen solcher Texte, gestellt sieht. Zurecht weist er darauf hin, dass niemand die Bibel in allen ihren Aussagen wörtlich auffasst, auch Gegner praktizierter Homosexualität nicht.

Die Grundzüge eines theologisch verantworteten Verstehens biblischer Texte werden nur angedeutet. Für Jung ist es angesichts des zeitlichen Abstands zu den biblischen Texten entscheidend, die Bibel von Jesus Christus als ihrem Zentrum her zu lesen. Die Leselinse sind für ihn das Doppelgebot der Liebe und Jesu Zuwendung zu den Ausgegrenzten. Texte sind also „näher oder weiter weg vom Zentrum“ (3). Was das für in der Debatte um Homosexualität oft erwähnte Texte bedeutet, soll sodann in sieben Bibelarbeiten entfaltet werden.

Obwohl Jung an keiner Stelle präzise erklärt, was genau er unter Homosexualität versteht (stabile oder vorübergehende Anziehung, Orientierung, Verhalten, Identitätskonzept oder Zugehörigkeit zu einer „community“), ist er sich sicher, dass es den häufig herangezogenen Texten (Ri 19,1-30, 3 Mose 18,22 und 20,13, 1 Kor 6,9-11) überhaupt nicht um die Verurteilung von Homosexualität (in welchem Sinne denn?) geht. Da der Vf. gänzlich auf die Angabe von Quellen für seine Einsichten verzichtet, bleibt unklar, auf welche Autoren er seine Aussagen stützt. So vertritt er die Auffassung, die Erzählungen in 1 Mose 19 und Ri 19 thematisierten den Bruch des Gastrechts, nicht das homosexuelle Verhalten der Übeltäter. Allerdings wird damit eine Alternative konstruiert, die sich weder im Text selbst noch bei seinen frühen jüdischen Auslegern findet. Es lässt sich schlicht nicht zeigen, dass homosexuelles Begehren bei dieser Form, das Gastrecht zu brechen, keine Rolle gespielt hat.

Die beiden Stellen aus dem Heiligkeitsgesetz werden dahingehend gedeutet, dass es hier um die Sicherung der Identität des Volkes Israel gehe – daher die Zurückweisung von kultischer homosexueller Prostitution, wie sie bei den Nachbarvölkern Israels bekannt war. Außerdem solle die Sexualität der „Fortpflanzung und Stärkung des israelitischen Volkes“, genauer: der Vergrößerung des Heeres, dienen (12). Doch genügen diese Hinweise, um die Texte aus der heutigen Diskussion zu nehmen? Dass es hier nicht lediglich um ein kultisches „unrein sein“ geht, sodass der Betreffende erst nach erfolgter Reinigung wieder für den Zugang zum Tempel qualifiziert ist (11), zeigt sich doch schon darin, dass für homosexuelle Handlungen die Todesstrafe und gerade kein Reinigungsritual bestimmt wird. Zugleich verurteilt das Heiligkeitsgesetz auch Sexualität außerhalb der Ehe, die durchaus geeignet ist, Nachkommen hervorzubringen. Auch der –an sich zutreffende – Hinweis auf die Fortpflanzung greift daher zu kurz und verkennt die eigentliche geschichtstheologische Komponente der Weitergabe des Lebens in Israel – die Erwartung eines kommenden Messias.

In 1 Kor 6,19 sieht Jung eine Verurteilung von Pädophilie ausgesprochen, obwohl das Wortfeld für das griechische Wort, das der Vf. mit „Lustknaben“ übersetzt, deutlich weiter und die Alterskonnotation „minderjährig“ nicht notwendig impliziert ist. Charakteristisch für die „malakoi“ war vielmehr, dass sie sich – über die Pubertät hinaus – ein „weichliches“ bzw. „weibliches“ Erscheinungsbild bewahrten und für die passive Rolle beim homosexuellen Geschlechtsverkehr zur Verfügung standen. Sollte Paulus allein an Strichjungen gedacht haben, die aus wirtschaftlicher Not ihren Körper anboten, bliebe unklar, warum Gott diese so Ausgebeuteten auch noch vom Himmelreich ausschließt. Zudem geben umfangreiche Quellenbände heute Aufschluss über die beträchtliche Bandbreite homosexueller Lebensweisen in der Antike, die z.B. auch homosexuelle Liebe bis in den gemeinsamen Tod bei Soldaten einschloss.

Nach all dem steht für den Vf. fest, dass in der gesamten Bibel einzig Paulus, und zwar in Röm 1, „von menschlicher Homosexualität“ spricht (29). Und dabei habe Paulus auch liebevolle Beziehungen vor Augen gehabt. Paulus habe von seinen Denkvoraussetzungen her jedoch nicht anders als negativ urteilen können, da gleichgeschlechtliche Sexualität für ihn gegen die Natur und gegen die Zeugung von Nachwuchs gerichtet sei. Wenn das so ist, will freilich nicht einleuchten, warum Paulus, wie Jung meint, „Sexualität als notwendiges Übel sah, auf dass [sic!] Mann sehr gut verzichten kann“ (20). Ging dem Apostel nun in der Beurteilung der Sexualität die Fortpflanzung über alles oder riet er zu einem Leben ganz ohne Sex? Man wird kaum beides zugleich behaupten können. Die feinen Nuancen paulinischer Schöpfungsethik sind hier jedenfalls nicht erfasst.

Obwohl sich Jung in der Einzelauslegung immer wieder in Widersprüche verstrickt und die biblischen Äußerungen zur Homosexualität (ohne je zu erklären, was genau er damit meint) auf eine einzige reduziert (Röm 1), liegt das Kernproblem der Broschüre tiefer. Es ist die im ersten Teil angedeutete, stark verkürzte Christologie, die sich als urteilsleitend erweist. Dass Christus die Mitte der Schrift sei, wird bekanntlich nicht nur von Befürwortern, sondern auch von Kritikern einer kirchlichen Öffnung in Fragen Homosexualität vertreten. Die Frage ist: Welcher Christus? Jung gewinnt sein Christusverständnis in einer Weise, die an das Verständnis v.a. Adolf Harnacks erinnert, aus einem Textbestand der ersten drei Evangelien, in denen Jesus die Liebe Gottes verkündigt und sich den Ausgegrenzten zuwendet. Als Deutungselement von Person und Werk Jesu ist daran unbedingt festzuhalten. Doch ist Christus – und dafür ist das paulinische Zeugnis wichtig – zugleich der Gottessohn, „durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1 Kor 8,6), in theologischer Begrifflichkeit: er ist der Schöpfungsmittler. Eine Beurteilung homosexueller Praxis ist daher von der Auswertung einzelner Bibeltexte, die solche Verhaltensweisen – ohne jede Einschränkung! – ablehnen, nicht zu gewinnen. Vielmehr sind die biblischen Aussagen zur menschlichen Sexualität in den theologischen Grundzusammenhang – gewissermaßen das Meta-Narrativ – von Schöpfung, Sünde und Neuschöpfung (Erlösung) einzuzeichnen und von hier aus zu verstehen. Dass der Vf. erst auf S. 32 einen Zusammenhang „von Sexualität und Schöpfung“ andeutet, zeigt, dass dieser Zusammenhang für Jung argumentativ kein Gewicht hat. Nur weil das so (gewollt?) ist, kann er im Ertrag seiner Ausführungen immer wieder sagen, biblisch gesehen gehöre Sexualität in die Beziehung von „zwei Menschen“ (besonders bemerkenswert als Ertrag alttestamentlicher Texte, die in einem Umfeld entstanden sind, das auch die Polygamie billigte). Die Zweizahl in der Sexualbeziehung fällt hier gewissermaßen vom Himmel und ist dem Autor wichtiger als die Polarität der Geschlechter. Ohne nachvollziehbare Begründung bleibt auch die These, dass Paulus – dem zugebilligt wird, auch „homosexuelle Liebe“ gekannt zu haben – an homosexuelle Paare heute „dieselben ethischen Anforderungen stellen [würde] wie an heterosexuelle Paare: Liebe, Vertrauen, Treue und Barmherzigkeit“ (32). Man würde gerne erfahren, woher der Vf. diese Gewissheit nimmt. Es entsteht der Eindruck, dass die negativen Aussagen zur Homosexualität in der Bibel vom Standpunkt des aufgeklärten, vernünftig denkenden Auslegers einfach sachkritisch ausgeschieden werden.

Fazit: Das Heft hat vermutlich Menschen in Gemeinden vor Augen, die den Befürwortern einer gegenüber homosexuellen Partnerschaften offenen Position immer wieder auf einzelne Bibeltexte verweisen. Sie sollen – was zu begrüßen ist – für einen hermeneutisch reflektierten Umgang mit der Schrift gewonnen werden. Dieses Ziel wird m.E. gründlich verfehlt, weil die Anlage des Heftes suggeriert, Gottes Masterplan für die menschliche Sexualität sei zu verstehen, ohne auf sein schöpferisches, versöhnendes und vollendendes Handeln Bezug zu nehmen, ohne also in Betracht zu ziehen, welche theologischen Motive Gottes Geschichte mit den Menschen positiv einwohnen: die schöpferische Polarität von Mann und Frau (1 Mose 1) sowie die Bundespolarität Gottes und seines Volkes (Eph 5). So drängt sich bei der Lektüre der Eindruck auf, dass in der Diskussion um die kirchliche Stellung zu homosexuellen Menschen Grunddifferenzen im Schriftverständnis und der Christologie wirksam werden. Diese Differenzen aber werden nicht dadurch überwunden, dass die Kritiker der kirchlichen Öffnung als Menschen in den Blick genommen werden, die ein paar in der Sache ohnehin irrelevante Bibelstellen nicht richtig verstanden hätten. Die zutage tretenden Differenzen sollten entschieden ernster genommen werden.

Christoph Raedel

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.