„Sollte Gott das so gemeint haben?“ – Demut gegenüber der Bibel!

Hartmut Steeb, bis vor kurzem der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, hat in einer Rede bei idea im Juni 2019 erklärt, was er aktuell unter „evangelikal“ versteht. Hier sein Auszug zum Thema „Bibelverständnis“; die gesamte Rede ist hier zu finden.

„Wir dürfen uns diese Festlegung nicht nehmen lassen. „Das Wort sie sollen lassen stahn und kein Dank dafür haben“ (Martin Luther). „Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn?“ (Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf). Freilich ist auch der Streit um die Bibel nichts wirklich Neues. So kam es ja zur Kanon-Bildung. Gerhard Bergmanns „Alarm um die Bibel“ hat das auch 1974 deutlich gemacht. Damals, im Aufbruch der evangelikalen Bewegung in Deutschland, war gerade die Bibelfrage aber auch das stark empfundene einigende Band in der evangelikalen Bewegung. Das Vertrauen in die Bibel als Gottes Wort ist aber in der Tat heute bis tief hinein in die evangelikale Bewegung angeknackst. Dem „sollte Gott gesagt haben?“ ist das subtilere „sollte Gott das so gemeint haben?“ gefolgt.
Es wird eine große Herausforderung, die evangelikale Bewegung wieder als Bibelbewegung zu stärken. Biblische Grundüberzeugungen aufzugeben bedeutet, die Wurzeln zu entfernen, die dem Baum die Nahrungszufuhr sichern. Eine der Hauptgefahren sehe ich heute darin, dass in einer modernistischen Arroganz gedacht wird, man habe heute endlich das Wort Gottes richtig verstanden bzw. es müsse eben gegebenenfalls mit der Schrift gegen die Schrift argumentiert werden. Dem müssen wir widerstehen und gegebenenfalls auch in unseren Reihen wieder mehr Klarheit schaffen. Darum begrüße ich ausdrücklich auch die Gründung der Initiative Bibel und Bekenntnis, die sich 2016 zusammenfand, die sich ja zurecht auch auf die Glaubensbasis der Evangelischen Allianz beruft. Der württembergische Theologe Heinz-Peter Hempelmann hat in verschiedenen Schriften eine „Hermeneutik der Demut“ formuliert. Ohne dies im Einzelnen nachzuzeichnen bzw. sich mit allen Inhalten 100% zu identifizieren: Die Richtung stimmt ganz gewiss! Wir brauchen eine Schriftauslegung, die sich demütig unter die Schrift stellt, wie er das ja u.a. auf Adolf Schlatters Aussagen zurückführt. Sich über die Schrift zu stellen und deren Lehrmeister zu sein ist eine „Hermeneutik des Hochmuts“, die der evangelikalen Grundüberzeugung diametral widerspricht. Popular hat das Mark Twain ja ausgedrückt mit seiner Aussage, dass ihm nicht die Bibelstellen Beschwer machen, die er nicht versteht, sondern die er verstehe.“

1 Kommentar zu „„Sollte Gott das so gemeint haben?“ – Demut gegenüber der Bibel!“

  1. Klaus Bratengeier

    Lieber Herr Župančić,
    vielen Dank für den Hinweis auf die interessanten und bedenkenswerten Beiträge.
    Ich beziehe mich im Folgenden auf Ihre Überschrift und das damit gesetzte Motto. Dazu gebe ich zweierlei zu bedenken und möchte dafür den biblischen Text aufgreifen, den Sie weiter unten mit Ihrem Motto verbinden:
    „Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ (1.Mo3,1b) – gerade die Übertreibung der Forderungen Gottes an den Menschen bringt den Menschen in Gefahr. Die Übersteigerung zersetzt das Vertrauen in Gottes guten Willen, in seine Absicht, uns vor uns selbst zu schützen. Dies bitte ich bei der gegenwärtige Diskussion zu bedenken. Es geht nicht darum, besonders streng zu sein, sondern darum, das Richtige zu tun. Zu weit gehende Forderungen können viel kaputtmachen.
    Und das zweite: „sollte Gott gemeint haben“ zusammengestellt mit 1.Mo3,1 klingt ja in etwa so: Da gibt es Einflüsterer, die uns vom Willen Gotten abbringen möchten. Aber die Menschen, die ich kenne und in Ihrer Meinung schätze, fallen mitnichten auf solche Einflüsterungen herein, sondern bemühen sich gerade ernsthaft darum, Gottes Willen zu erkennen und nicht darum, ihm durch billige Tricks auszuweichen. So geht es auch mir selbst. Gerade aufgrund ihrer Ernsthaftigkeit kommen sie und komme ich in verschiedenen Fragen zu anderen Ergebnissen, als manche Geschwister es sich wünschen. „Sollte Gott gesagt haben“ – verbunden mit falschen Vorstellungen über Gottes Willen – gefährdet beide Seiten in der gegenwärtigen Diskussion, nicht nur die, die als zu „liberal“ hingestellt wird. Wir sollten implizite Unterstellungen meiden („Du betrügst dich selbst, möchtest Gottes Willen eigentlich nicht ernst nehmen“). Stattdessen sollten wir sauber begründen, warum wir zu welchen Ergebnissen kommen.
    Herzliche Grüße
    Klaus Bratengeier

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.