Kapitalismus einmal anders

Die Geschichte von den Verlorenen Söhnen in Lukas 15 ist wohl allen Christen gut bekannt. Adolf Schlatter hat 1937 auf einen Aspekt des Gleichnisses hingewiesen, der mir eine ganz neue Frage stellt: Der Sohn bekommt Kapital von seinem Vater und benutzt es – bis es aufgebraucht ist. Der Sohn fordert ein, was ihm zusteht – und dann geschieht folgendes: „Der selbstherrliche Wille nimmt das, was Gottes ist, als sein Eigentum in Anspruch und unterwirft es seiner Begier.“ (1)

Das wirft die persönliche Frage auf: Was machen wir eigentlich mit dem wertvollen Kapital, das unser Christsein uns mitgibt und ermöglicht? Nutzen wir es, um Gott, unseren Mitmenschen und uns selbst zu lieben – oder brauchen wir es manchmal heimlich oder unheimlich für unsere eigenen „Begierden“? – Diese sind meist nicht so offensichtlich bei uns Christen, deshalb sprachen die Väter auch von „Wurzelsünden“ unter der Oberfläche unseres Lebens – im Gegensatz zu den „Tatsünden“. In Römer 7,8 be(r)ichtet Paulus auch von solchen Begierden: „Die Sünde aber nahm das Gebot zum Anlass und erregte in mir Begierden jeder Art“.

Das wirft auch die gesellschaftliche Frage auf: Was tun die Menschen der heutigen Zeit in unserem Land mit dem mitgegebenen Kapital, das uns vom Vater im Himmel im Laufe der Jahrhunderte zugewachsen ist? – Neben manch dunklen Seiten der Kirchengeschichte müssen wir konstatieren, dass wir so viel Gutes durch die Ethik des Christentums – durch Christus selbst – auf unseren Weg mitbekommen haben: Von Gesprächskultur über Forschungsergebnisse und Frauenrechte bis hin zum Sonntagsschutz haben wir ein gigantisches Erbe mitnehmen dürfen.
Was passiert aber in unserer Kultur mit diesem Kapital? Wird es genutzt, um Ziele und Ideen Gottes zu verwirklichen; seine Anleitungen in der Bibel ernst zu nehmen und sich nicht nur selbst im Focus zu haben? – Ich beobachte eher wie Schlatter: Die Selbstherrlichkeit des Menschen unterwirft die hohe, geschenkte Kultur, die von Christus kommt, allen möglichen Egoismen (Begierden), indem der einzelne Mensch als Individualist sich, seine Ideen und sein Wollen zum Maßstab nimmt.
Was lehrt uns Lukas 15? – Dass diese Art, das Kapital zu verschwenden, nicht gut gehen wird – bis in Wirtschaft, Ökologie und Demografie hinein.
Und was lehrt uns Lukas 15 noch? – Dass eine Umkehr zum Herzen Gottes, der uns überreich mit edlem Kapital ausgestattet hat, möglich – und nötig ist. Möglichst bald. Fangen wir bei uns an und gehen dann mutig weiter in unsere Umgebung. Wir Christen haben etwas zu dieser Ausstattung, die unser Christus den Menschen mitgegeben hat, zu sagen!

(1) Adolf Schlatter: Kennen wir Jesus? – Tageslese 15. Mai

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