Warum ticken wir so unterschiedlich?

Klara und Karla haben einen strahlenden Morgen erwischt, an dem sie ihre Bergwanderung beginnen. Sie schreiten frei aus und genießen es, nach harten Wochen einfach den Bergwind um ihrer Nase herum spielen zu lassen. Sie haben sich diese Auszeit echt verdient: Karla hat sich mit allen Risiken und Nebenwirkungen um Kirchenasyl für ihre syrischen Geschwister gekümmert; Klara hat einen Alphakurs mit 20 interessierten, aber sehr fordernden Teilnehmenden in ihrer Gemeinde hinter sich. Beide sind mit Jesus unterwegs und haben für ihn und mit ihm etwas geschafft. Deshalb: Urlaub wird in vollen Zügen genossen!

Es ist die Zeit der Rast gekommen. Nach dem Bergsteigermüsli teilen sich die beiden Freundinnen die Losung des Tages, denn sie sind gestandene Christinnen und leben aus ihrer Gottesbeziehung heraus. Ops, heute gibt es einen Spruch von Jesus persönlich, wie Matthäus ihn aufgeschrieben hat: „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein«“.

„Autsch“ entfährt es Karla – „das ist wieder so ein schmerzlicher Vers, den man Gleichgeschlechtlichen erklären muss: Hier geht es eigentlich ja um das Thema Scheidung – das Geschlecht spielt hier nicht die Rolle.“
Auf dem Stein gegenüber erstarrt Klara, als die das hört: „Autsch – mir tut richtig weh, wie du mit dem Bibeltext umgehst. Das hat doch unser Jesus so gesagt. Und er hat sich dabei auch etwas gedacht.“. „Ja“, meint Karla – „das mag schon sein, aber mir tut es mehr weh, wenn ich sehe, wie unsere gleichgeschlechtlichen Chorsänger unter so einem Text leiden. Deshalb muss ich ihnen so einen Text erklären, damit sie schmerzfreier damit leben können. Und mit der Gemeinde. Und mit dem Glauben. Und überhaupt.“
Klara nimmt die Rede vom Schmerzpunkt noch mal auf: „Mir würde es weh tun, in einer Gemeinde zu sein, wo Bibeltexte so relativiert werden. Da fehlt mir die Mitte, der Konsens, auch das Vertrauen auf einen höheren Plan, der über menschliche Befindlichkeiten steht.“

Die beiden laufen nun stumm weiter – jede spürt ihrem Schmerz nach und ist in ihre Gedanken versunken. Beide stellen sich dieselbe Frage: Wieso ist der Schmerzpunkt bei uns beiden so unterschiedlich: Bei der einen, wenn die Liebe zum Menschen in Gefahr gerät – bei der anderen, wenn die Liebe zu Gottes Wort in Gefahr gerät? Wir haben doch beide eine echt lebendige Gebetsbeziehung zu Jesus – wieso kommen wir zu einem anderen Ergebnis? Zu einem so deutlich anderen, dass wir in der Gemeinde der anderen immer wieder Schmerz spüren würden, wenn unser eigener, wichtigster Wert verletzt wird?

Es naht ein Aussichtsfelsen: Trinkpause.

Klara bricht das Schweigen: Wieso bist du an der Stelle so anders als ich? Wir sind doch beide Christinnen, wir akzeptieren und Gottes Wort und leben davon? Und Gott gebraucht uns doch beide als seine Mitarbeiterinnen auf dieser Erde? Wieso ist für dich der Wert der Liebe zu Gottes Wort an der Stelle höher als die Liebe zu dem Pärchen in der Gemeinde?

Karla denkt eine Weile nach, schaut in den weiten Horizont, wo sich Bergkette um Bergkette ablösen, um dann vom Bergesblau in das Himmelsblau zu verschwimmen: „Es gibt wohl Grundwerte, die ganz tief in uns liegen, die uns bestimmen, entscheiden, genießen lassen – oder auch zur Angst führen. Werte, die so tief in uns drin liegen, dass wir gar nicht genau wissen, woher sie in unserem Leben kommen. So, wie unergründlich weit der Horizont ist – so unergründlich sind manche Werte in uns – und dennoch so real bestimmend wie die frische Luft, in der wir uns befinden.“

Lassen wir nun die beiden Schwestern weiter wandern, nachsinnen, sich über ihre veschiedenen Ansichten wundern. Ich lade Sie nun ein, in ein Buch von Uwe Böschemeyer zu schauen. Der Logotherapeut hat unter dem Titel „Warum es sich zu leben lohnt“ seine Vorträge aus dem Hamburger Michel in einem Buch veröffentlicht – als eine „Öffentliche Schule des Lebens“. Er schreibt zu diesen innersten Werten, die wir bei Karla und Klara kennen gelernt haben:   „Sie sind da. Ich muss sie nicht erfinden. Sie ziehen mich aus der Ferne an. Ich muss mich allerdings aufmachen, mich in Be­wegung setzen, um sie zu finden und mich mit ihnen zu ver­binden.

Ich fand zwei Arten menschlicher Werte: Ich nenne sie Pri­märwerte und Sekundärwerte. … Die Primärwerte gehören zu unserer geistigen Ausstattung. Sie gehören zu uns und bleiben selbst dann in uns verwurzelt, wenn wir sie nicht leben, aus welchen Gründen auch immer. Sie machen unser Menschsein aus. Wir können zwar nicht selbst­verständlich über sie verfügen, aber sie sind reale Möglichkeiten, reale Potenziale. … Was also sind spezifisch menschliche Werte? Sie sind erstens allgemeine Leitlinien zur Orientierung auf der Suche nach Sinn. Sie sind wie Bojen, die uns die Fahrrinnen unseres Lebens zeigen, damit wir nicht stranden. Spezifisch menschliche Werte sind zweitens Energiezentren mit hoher Anziehungskraft. Sie sind geistig-vitale Nährstoffe, entzünden in den wechselnden Situa­tionen des Lebens unsere Motivation und ziehen uns zu den Zie­len, die ein gelingendes Leben verbürgen. Mit anderen Worten: Alles, was einen Menschen motiviert, sinnvoll zu leben, ist ein spezifisch menschlicher Wert. …Werte sind also ein doppeltes: Gründe für Sinnerkenntnis und Gründe für Sinnerfahrung. Deshalb können wir sagen: Die Be­findlichkeit eines Menschen hängt davon ab, was er im Leben findet, welche Werte er findet und davon, ob und wie er sie lebt.“ (Böschemeyer, Uwe: Warum es sich zu leben lohnt, S.30f).“

Ob das die Erklärung ist, warum manche Christen eher ihren „Schmerzpunkt“ bei der Nächstenliebe und andere bei der Liebe zu Gott(es) Wort haben? Vielleicht. Wichtig ist dabei, dass sie miteinander auch einmal Wegstrecken zurücklegen, sich austauschen, hinterfragen, bereichern. Damit ihr Wirken im Bereich, wo sie ihre innersten Werte ausleben, immer frisch, lebendig und dynamisch bleibt. Und damit kein anderer Wanderer des Wegs kommen kann und einer von beiden einflüstern kann: Dein Wert ist 1.Klasse – die Menschen des anderen Wertes nur zweite.

2 Kommentare zu „Warum ticken wir so unterschiedlich?“

  1. Markus 10, 25
    Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!

    „Autsch“, sagen Konservative, Liberale, Heterosexuelle, Homosexuelle, Bibeltreue und Historisch-kritische. „Das schmerzt aber. Sicher muss man das anders verstehen. Das hat zwar der Herr Jesus gesagt, aber mich kann er damit ja nicht gemeint haben.“

    1. Dorothea Hinske

      Lieber Tobias,
      hast du auch den Artikel „Was heißt denn bibeltreu?“ gelesen? Steffen nimmt genau auf diese Stelle Bezug. Ja, auch wir genügen Gottes Ansprüchen nicht – dafür starb Jesus ja am Kreuz- heißt das im Umkehrschluss, dass ich deshalb seine Ansprüche niedriger ansetze? Ich jedenfalls lasse mich durch dein zitiertes Jesus Wort immer wieder herausfordern – auch in dem wortwörtlichen Verständnis.

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